Dienstag, 24. März 2020

Foto: Hartmut Görler

Da ist sie. Die erste fette Knospe an meinem Apfelbaum. Der Frühling kommt mit großen Schritten. Er ist nicht mehr aufzuhalten. Es mag sein, dass die Knospe den Frostnächten im März noch zum Opfer fällt. Aber der Winter muss weichen. Das Leben lässt sich nicht auf Dauer aufhalten. Es setzt sich durch. Diese alljährliche Beobachtung macht mir in diesem Jahr besonders viel Freude. Und Mut. Die Welt befindet sich fest im Griff des Corona-Virus. Der „Winter“ der Welt ist so hart, wie ich ihn noch nie erlebt habe. Über 800 Tote in Italien, an einem Tag. Das überfordert mich. Das raubt mir die Luft. So viel Schmerz. So viel Trauer. Kaum auszuhalten. Aber ich will nicht aufhören darauf zu hoffen, dass das Leben sich durchsetzt. 

Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt, ist das nicht in Fingerzeig, dass die Liebe bleibt? Dass das Leben nicht verging, so viel Blut auch schreit, achtet dieses nicht gering in der trübsten Zeit. Tausende zerstampft der Krieg, eine Welt vergeht. Doch des Lebens Blütensieg leicht im Winde weht. Freunde, dass der Mandelzweig sich in Blüten wiegt, das bleibt mir ein Fingerzeig für des Lebens Sieg. 

1942 schreibt Schalom Ben-Chorin diese Zeilen. „Das Zeichen“ nennt er sein Gedicht. Er schreibt es, als sich die Schreckensmeldungen über den Krieg und die Vernichtung seines Volkes häufen. Wenn der Mann, der 1935 aus Nazi-Deutschland floh, verzagt und hoffnungslos ist, tröstet ihn die leise Botschaft des Mandelbaums. Denn er blüht, wenn ringsum noch alles kahl ist und auf den hohen Hügeln rund um Jerusalem noch Schnee liegt. 

Das Gedicht bezieht sich auf die Worte des Propheten Jeremia, Kapitel 1, die Verse 11 und 12: Und siehe des Herrn Wort geschah zu mir und er sagte: Was siehst du, Jeremia? Und ich antwortete: Ich sehe den Zweig eines Mandelbaums (schaked). Und der Herr sprach zu mir: Du hast recht gesehen, denn ich wache (schoked) über mein Wort, dass ich es halte. Der Kundige erkennt das Wortspiel und versteht: der Mandelbaum als Zeichen, dass Gott über seine Schöpfung wacht. 

Ihr Hartmut Görler


Geistliche Impulse

Gebete, mutmachende Texte, Erinnerungen an beglückende und stärkende Erfahrungen im Glauben und in der Gemeinschaft – in diesen Zeiten, in denen wir soziale Kontakte reduzieren und auch in der Gemeinde keine Treffen, keine Gottesdienste möglich sind – in diesen Zeiten wollen wir als Geistliche der Gemeinde – Pfarrerinnen, Pfarrer, Prädikantinnen, Prädikanten – kleine Texte ins Netz stellen.Beten Sie mit, denken Sie mit, singen Sie mit – wir hoffen auf die stärkende Kraft des Glaubens und der Gemeinschaft.

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