Donnerstag, 19. März 2020

Ein Leben in Quarantäne

Hier das Gesundheitsamt…“. Alles begann mit einem Telefonanruf am Dienstag Nachmittag. Ich wurde gefragt, ob ich mit einer Person X am Tag Y Kontakt gehabt hätte. Auf mein Ja kam die Antwort: „Dann ordne ich für Sie hiermit Quarantäne an, denn Person X ist positiv auf den Virus getestet worden.“

Nach einigen weiteren Informationen war das Telefonat beendet – und ich spürte meine Knie zittern, meine Gedanken rattern und meine Gefühle Achterbahn fahren.

Inzwischen liegt die Quarantäne hinter mir. Symptome sind nicht aufgetreten. Der Virus hat mich nicht erreicht. Ich darf wieder normal arbeiten – und stelle fest, dass in der einen Woche, in der ich „aus dem Verkehr gezogen“ war, fast alles seine Normalität verloren hat.

Im Nachhinein bin ich froh, dass es bei mir nur eine Woche häusliche Quarantäne war – die hat mir vollkommen gereicht, denn sie hat viel mit mir gemacht. Ich war von einer wichtigen Familienfeier ausgeschlossen, von Begegnungen mit dem Pfarrteam und der Gemeinde, und von den vielen außerhäuslichen Möglichkeiten in der Freizeit. HomeOffice war angesagt, war aber erst dann möglich, nachdem meine Psyche zur Ruhe gekommen war. Freunde hatten gute und hilfreiche Worte für mich – übermittelt aus sicherer Distanz via Telefon, WhatsApp oder Email. Eine besondere Freude war ein bunter und liebevoll gefüllter Notfall-Einkaufskorb – vor der Haustür mit einem Klingeln und einem lieben Gruß abgestellt.

In den für mich sieben (oftmals 14) Tagen spürte ich: Quarantäne kann eine Chance sein, sich zu besinnen auf das, was im Leben wirklich zählt und wirklich trägt. Und zugleich spürte ich auch: Quarantäne kann auch zur Anfechtung werden. Nicht nur „Ich will hier raus“, nicht nur das ungute Gefühl „Und wenn ich mich infiziert habe?“, sondern manchmal auch das Gefühl „Ich bin stigmatisiert.“ Nicht alle Menschen, so spürte ich, können damit umgehen, dass jemand in Quarantäne ist. Es war mitunter wie das Gefühl aussätzig zu sein. Und ich meinte, dass einige jetzt denken: „Warum hat er nicht aufgepasst?!“ 

Quarantäne kann jeden treffen und hat ganz und gar nichts mit Schuld zu tun. Quarantäne ist auch nicht wie Urlaub in den eigenen vier Wänden. Quarantäne ist für einen selbst auch ein Stresstest. Dies ist mein persönliches Fazit aus der Woche. 

Ähnliche Erfahrungen machen derzeit viele andere Menschen. Es mag sogar sein, dass manche wiederholt in Quarantäne müssen. Aber gesellschaftlich ist Quarantäne in Zeiten wie diesen absolut notwendig und sollte von den betreffenden Personen befolgt werden, um eine mögliche Infektionskette an dieser einen Stelle abzuschneiden. Menschen in Quarantäne verdienen zudem ihrerseits die ungeteilte Solidarität ihrer Mitmenschen. 

Ich bin froh und dankbar, in einem Land und sozialen Netzwerk zu leben, dass es erlaubt, für eine gewisse Zeit in Quarantäne zu sein. Wie gut geht es uns doch, selbst in solch einer schwierigen Zeit. Deshalb lade ich ein, nicht zu schnell zu klagen über die Einschränkungen, die das Coronavirus für Einzelne, für unsere Kirchengemeinde und für unsere Gesellschaft in Deutschland mit sich bringt.

Meine Fürsorge und meine Fürbitte gilt zum einen den älteren Menschen und den Menschen mit Vorerkrankungen, sie gilt zum anderen all den Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika, mitunter aber auch in Europa und in unserem Land, die unter viel schwierigeren Bedingungen mit der gegenwärtigen Pandemie fertig werden müssen. Mögen sie solidarische Hilfe und Nächstenliebe erfahren, wie sie sich auch auch hier in diesen Tagen oft spontan organisiert. Welch ein Segen – all den Helfenden und Gott sei Dank!

Ihr Achim Dreessen


Geistliche Impulse

Gebete, mutmachende Texte, Erinnerungen an beglückende und stärkende Erfahrungen im Glauben und in der Gemeinschaft – in diesen Zeiten, in denen wir soziale Kontakte reduzieren und auch in der Gemeinde keine Treffen, keine Gottesdienste möglich sind – in diesen Zeiten wollen wir als Geistliche der Gemeinde – Pfarrerinnen, Pfarrer, Prädikantinnen, Prädikanten – kleine Texte ins Netz stellen.Beten Sie mit, denken Sie mit, singen Sie mit – wir hoffen auf die stärkende Kraft des Glaubens und der Gemeinschaft.

Wenn Sie mögen, reagieren Sie auch gern per E-Mail oder telefonisch.

Ihr Pfarrteam


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