Mittwoch, 01. April 2020

Zeit auf einmal

Die Zeit ist umgestellt. Auf einmal ist jetzt eine andere Zeit. 

Ja klar, werden Sie denken: Es ist Sommerzeit. Wollten wir ja abschaffen, aber das braucht noch seine Zeit. Und jetzt ist erst mal etwas anderes dran. Und so haben wir wieder einmal die Zeit umgestellt. Die Stunde zwischen zwei und drei am sehr frühen Sonntagmorgen fehlt uns jetzt. Die, die noch arbeiten und Leben retten, die Regale füllen, den Müll holen, Notdienste besetzen und regieren, die homeofficen und für ein Abi lernen, das vielleicht ja doch kommt, spüren das, wenn der Wecker klingelt. Die anderen können die Stunde vielleicht leichter verschmerzen, haben Zeit, sich auf die Sommerzeit umzustellen. 

Auf einmal ist jetzt eine andere Zeit. Zeitumstellung – auf mich wirken diese Covid19-Wochen wie aus der Zeit gefallen. Ein Sprung in eine andere Zeit – in welcher Zeit werde ich ankommen? Wie wird die Zeit danach aussehen?  Hier ein paar Indizien für diese etwas andere Zeitumstellung:

  • Auf einmal verschieben sich die Aufregerthemen (hier eine willkürliche Auswahl) – keiner kümmert sich mehr um Meisterschaften, Rekordsummen für Fußballer, Olympia-Vorbereitungen, CDU-Vorsitz-Kandidaten, Populisten-Provokationen und das Ende einer Serienära in der ARD („Nie wieder Mutter Beimer“ hätte vielleicht ohnehin nur eine Randgruppe interessiert. Ich bin da schon lange raus.) – keiner kümmert sich mehr um die Abschaffung der Zeitumstellung. Auch das nicht. 
  • Aber mal im Ernst:  Die Zeit stellt sich um, ändert sich auf einmal.
  • Auf einmal sind wirtschaftliche Argumente nicht mehr alternativlos.
  • Auf einmal kommt die Globalisierung an ihre Grenze.
  • Auf einmal nehmen sich Einzelne mit ihren Einzelinteressen zurück. 
  • Auf einmal müssen wir die Enge aushalten und können nicht fliehen, auch keine kleinen Fluchten am Wochenende an die Nordsee.
  • Auf einmal kommen alte Probleme wieder neu ins Spiel – Familien im Stresstest,  Existenzängste, kaputtgesparte Gesundheitssysteme, Leben auf Pump. 
  • Auf einmal haben wir Zeit – auch Zeit, uns umzuschauen, die Nächsten zu sehen, die wir nicht mehr treffen dürfen, die aber trotzdem noch da sind. 
  • Auf einmal haben wir Zeit, uns Gedanken zu machen. Auch Gedanken um die Menschen, die diese Krise noch viel schlimmer trifft als nur mich mit meinen ungewissen Urlaubsplänen.  
  • Auf einmal blühen auch die Ideen, wie wir es besser machen können – in der Gemeinschaft, in der Familie, in der Gesellschaft, in unserem Zusammenhalt – es gibt Hofkonzerte, Youtube-Gottesdienste, Hilfsangebote, kleine Firmen, die große Probleme lösen, statt T-Shirts Mundschutz nähen, statt Schnaps Desinfektionsmittel abfüllen und liefern, was gerade gebraucht wird. (Vielleicht ja auch bald wieder die so sehr benötigten Rollen, Sie wissen schon.)

Zeit auf einmal

Die Zeit ist umgestellt und mir fehlt nicht nur die Stunde Schlaf, sondern auch Gewissheit, Klarheit, Verlässlichkeit, Zukunftsperspektive. Wie werden wir in der Zeit danach ankommen? Wie wird unsere Welt aussehen nach dem Shutdown? Was werden wir wieder aufnehmen? Was fehlt uns gar nicht? Und wir sind ja nicht allein auf der Welt – global gesehen.

Ich bin ehrlich – mir macht das auch Angst. 

In der Welt vor Covid19 kannte ich mich aus. Da gab es Beunruhigendes, auch Angstmachendes – aber das kannte ich, damit habe ich gelernt umzugehen, habe nicht immer darauf gestarrt. In der Welt, die auf uns zukommt, gibt es viele Ungewissheiten, Abbrüche, Einbrüche und womöglich keinen Neuanfang. Kann ich jetzt schon was tun und wen retten? Wie werden wir das alles ausgleichen? Wen müssen wir verlieren – auch das macht Angst. Wen muss ich verlieren? 

Zeit auf einmal.

Aus einem Lied von einem, der in der Nazi-Diktatur ganz andere Zeitumstellungen verkraften musste, dem wirklich nur noch Gott helfen konnte – Jochen Klepper – hier eine Liedstrophe wie ein Gebet:

Der du allein der Ewge heißt
und Anfang, Ziel und Mitte weißt,
im Fluge unsrer Zeiten:
Bleib du uns gnädig zugewandt
und führe uns an deiner Hand,
damit wir sicher schreiten. 

Ja, darum will ich Gott bitten: Bleib und halt mich fest, bei all dem, was auf einmal anders wird in der Zeit. 

Ihre Pfarrerin Claudia Bitter

Ein Bibelwort: 
„Ich aber, Herr, hoffe auf Dich und spreche: Du bist mein Gott. Meine Zeit steht in deinen Händen.“ Psalm 31, 15-16a. 


Geistliche Impulse

Gebete, mutmachende Texte, Erinnerungen an beglückende und stärkende Erfahrungen im Glauben und in der Gemeinschaft – in diesen Zeiten, in denen wir soziale Kontakte reduzieren und auch in der Gemeinde keine Treffen, keine Gottesdienste möglich sind – in diesen Zeiten wollen wir als Geistliche der Gemeinde – Pfarrerinnen, Pfarrer, Prädikantinnen, Prädikanten – kleine Texte ins Netz stellen.Beten Sie mit, denken Sie mit, singen Sie mit – wir hoffen auf die stärkende Kraft des Glaubens und der Gemeinschaft.

Wenn Sie mögen, reagieren Sie auch gern per E-Mail oder telefonisch.

Ihr Pfarrteam


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