Donnerstag, 28. Mai 2020

Die Schönheit abseits der breiten Wege

Die Vorfreude war groß – auf das herrliche Ausflugsziel, auf den wunderschönen Urlaubsort. Die Ernüchterung noch größer: Man war nicht der einzige mit dieser tollen Idee. Menschenmengen schieben sich langsam voran. Die Schönheit der Bucht, der Stadt, des Parks … geht völlig unter. Overtourism ist ein unschönes Phänomen des Freizeitbooms – nicht nur zum Leidwesen der Touristen selbst, sondern auch der an den Top-Zielen lebenden Bevölkerung, der Natur und der Bausubstanz.
Durch die Corona-Ausgangsbeschränkungen kehrte seit März auch an solchen Traumplätzen Ruhe ein. Ihre Schönheit strahlt wieder Menschen unverstellt auf, die Natur erholt sich.
Nun aber drohen wir wieder in alte Muster zurück zu fallen. Die nach wie vor notwendigen Abstandsregeln von 1,5 Metern mahnen uns hoffentlich zu einer überlegten Auswahl unserer Ziele.
Wer sagt uns eigentlich, dass es an langen Wochenenden oder im Urlaub bloß am Meer schön sei, zumindest aber am Wasser, und dass nur wohlklingende Städtenamen und Ausflugsziele eines Kurzurlaubs wert seien? Wer diktiert den Massen, wohin sie fahren oder reisen sollen? Oder anders herum gefragt: Was ist aus der auch gegenwärtig wieder geforderten Freiheit des Individuums geworden, wenn es sich fremdbestimmen lässt durch Postings bei Instagramm, Trendmeldungen, Hochglanzbroschüren und angeblichen Top-Tipps in Fachzeitschriften?!

Haben Sie schon ein Ziel ins Auge gefasst für das Pfingstwochenende?
Wenn ich mein Ausflugsziel vom Himmelfahrtstag mit Ihnen teile, so möge es bitte nicht dazu führen, dass alle nun dorthin fahren – und es dort zu einem Menschenandrang kommt. Ich möchte Sie vielmehr einladen, für sich zu schauen, wo es überall gerade auch abseits der ausgetretenen Wege Schönes zu entdecken gibt.
Wir sind letzte Woche Donnerstag mit dem Fahrrad durch den wunderschönen Aplerbecker Wald, vorbei an herrlichen Wiesen und durch ruhige Straßen zum Dortmunder Hauptfriedhof gefahren. Nicht nur die gewaltige Platane auf dem Hauptplatz ist sehenswert. Der gesamte Friedhof gleicht einem Park, der so groß ist, dass man dort wohl einen ganzen Tag bräuchte, um alles gesehen zu haben. Er ist übrigens der drittgrößte Friedhof in Deutschland. Sogar Radfahren ist erlaubt und nimmt dem Ort auch nichts von seiner Ruhe und Pietät. Wunderschöne Alleen, große Rhododendronbüsche (viele andere sind mir namentlich gar nicht bekannt), gepflegte Gräber – wir empfanden den Hauptfriedhof als einen uns vielfältig inspirierenden „Ort des Lebens“. Andere Menschen empfinden wohl ähnlich, denn selbst Familien und Jüngere gehen oder fahren dort spazieren.
Für uns zusätzlich beeindruckend waren die Bereiche mit den Grabstätten Menschen jüdischen sowie muslimischen Glaubens und tausende Kriegsgräber, die eindrücklich an die Schrecken der Kriege mahnten. Und wir standen vor den sieben Stelen mit knapp 300 Tontafeln, auf denen Schülerinnen und Schüler die Namen von in Dortmund in Kriegsgefangenschaft gestorbener Menschen eingraviert haben. Sie haben im Unterricht recherchiert über ihre Geschichten, ihre Biografien und die Umstände ihres Todes. Bei aller Betroffenheit waren wir vor allem berührt von diesen Zeichen der Menschlichkeit und der Mitmenschlichkeit.
Ganz ohne Meer und Wasser haben wir mit dem Dortmunder Hauptfriedhof einen Ort entdeckt, der uns an Leib und Seele gut getan hat.
Auch Ihnen wünsche ich viele solch wohl tuender Entdeckungen und Orte auch abseits der breiten Wege.

Ihr und Euer Achim Dreessen