Mittwoch, 06. Mai 2020

#Singen

Das Singen wird mir fehlen im Gottesdienst. Im Singen steckt Emotion, steckt Rhythmus, im Singen bilden wir alle zusammen einen Klangkörper, im Singen kann ich ausdrücken, was meine Worte nicht beschreiben. Da geht es sicher nicht nur mir so.

Ich hätte nie gedacht, dass es einmal gegen die Regeln verstoßen würde, gemeinsam zu singen. Aber so ist es nun mal in Corona-Zeiten. Die neuen Hygiene-Regeln für die Gottesdienste sind sehr streng und haben auch ihren Grund: Beim Singen wird das Virus über feingesprühte Aerosole in der Luft verteilt. Beim Einatmen nimmt der Nächste das Virus dann auf. So breitet es sich in einem Chor rapide aus. Das finde ich als Erklärung im Netz. Daraus folgt ganz klar: Nebeneinander Stehen und Singen sollte man in Infektionszeiten vermeiden. Und mit einem Mund-Nase-Schutz ist Singen ja ohnehin nicht gut möglich.

Und darum gibt es jetzt Gottesdienste ohne gemeinsamen Gesang. Mir fehlt das Singen jetzt schon – noch bevor wir wieder im Gottesdienst zusammengekommen sind. Schon Ostern hat mir das Osterlied gefehlt, das vom Leben singt und ein Halleluja erklingen lässt als Jubelgesang, weil der Tod nicht das letzte Wort hat. An Karfreitag fehlte mir der getragene Gesang voll Trauer und Suche nach Trost. Was bringen da Worte, wenn ich doch eigentlich singen will? Manche werden das nicht nachvollziehen können, singen keine Kirchenlieder mehr, verbinden Gesang dafür aber mit anderen emotionalen Momenten und können grundsätzlich verstehen, dass mir das Singen fehlt. Und mir graut vor der Advents- und Weihnachtszeit ohne Gesang. Wie kann Weihnachten werden ohne „O du fröhliche“? Aber bis dahin ist ja noch ein bisschen Zeit. Ich mache mir nicht heute die Sorgen von morgen.

Warum mir das Singen im Gottesdienst fehlen wird?

Beim Singen höre ich die Gemeinschaft. Ein Lied bringt uns mit seiner Melodie und seinem Rhythmus zusammen. Es ist wie ein Klangkörper aus vielen Kehlen.

Beim Singen ist die Vielfalt der Menschen zu erleben.

Das Singen erfüllt mir Herz und Seele – es ist nichts, was der Verstand und die Vernunft in mir hervorbringen, sondern es ist etwas für die Emotionen.

Im Singen kann ich ganz losgelöst sein.

Aus Gottesdiensten im Altenheim weiß ich, dass ein Lied einer anderen Region im Gehirn entspringt als Wörter. Die Demenz stiehlt nach und nach auch die Sprache. Trotzdem können Menschen mit Demenz Lieder aus den frühen Lebensjahren singen – mit vielen Strophen – auswendig. Die Weihnachtslieder, die Kinderlieder, die Kirchenlieder – die sind ein Schatz, wenn die Sprache langsam verschwindet. Und sie sind ein Trost, sind wie eine Brücke in die Welt von früher.

Wie gut, dass ich wenigstens zuhause alleine vor mich hinträllern darf. Da haben die Regeln nichts dagegen. Nur bei den hohen Tönen schreitet unsere Katze ein. Mit ihrem feinen Gehör kann sie die nicht ertragen. Aber das steht auf einem anderen Blatt.

Ich wünsche Ihnen ein Lied, das Sie begleitet, eine Melodie, die sich tröstlich in Ihnen ausbreitet oder sich um Sie herumlegt wie ein warmer Mantel, einen Rhythmus, der Sie tanzen lässt und sei es nur in Ihren Erinnerungen. Eins der Lieder, die mich immer wieder beseelen, ist folgendes:

Herr, du bist die Hoffnung, wo Leben verdorrt
auf steinigem Grund, wachse in mir.
Sei keimender Same, sei sicherer Ort, treib Knospen und blühe in mir.

Und ein neuer Morgen bricht auf dieser Erde an, in einem neuen Tag, blühe in mir.
Halte mich geborgen, fest in deiner starken Hand
und segne mich, segne mich und deine Erde.

Herr, du bist die Güte, wo Liebe zerbricht
in kalter Zeit atme in mir.
Sei zündender Funke, sei wärmendes Licht, sei Flamme und brenne in mir.

Und ein neuer Morgen bricht auf dieser Erde an, in einem neuen Tag, brenne in mir.
Halte mich geborgen, fest in deiner starken Hand
und segne mich, segne mich und deine Erde.

Herr, du bist die Freude, wo Lachen erstickt
in dunkler Welt lebe in mir.
Sei froher Gedanke, sei tröstender Blick, sei Stimme und singe in mir.

Und ein neuer Morgen bricht auf dieser Erde an, in einem neuen Tag, singe in mir.
Halte mich geborgen, fest in deiner starken Hand
und segne mich, segne mich und deine Erde.

Das Lied wird zum Gebet:

Gott, halte mich geborgen, fest in deiner starken Hand und segne mich, segne mich und deine Erde. Amen

 

Ihre Claudia Bitter