Die Kanzelrede am Reformationstag 2019 in St. Viktor, Schwerte

Liebe Mitglieder unserer Kirchengemeinde!

Für eine Reihe von Menschen unter uns versteht es sich nicht von selbst, dass wir zu Vortrags- und Gesprächsveranstaltungen auch Menschen anderer Religionen einladen; ja, dazu sogar die Kanzel besteigen lassen. Wir sind aber der Meinung, dass es wichtig ist, dass wir – die wir hier in Deutschland und im Besonderen in Schwerte zusammenleben – miteinander im Gespräch sind, um uns gegenseitig zu verstehen und besser kennen zu lernen. 

Wir wissen von Jesus, dass er den Fremden lernbereit und aufgeschlossen begegnet ist, sei es den Römern, sei es den Samaritanern, sei es anderen Fremden. Von einer heidnischen (kanaanäischen) Frau war er bereit zu lernen. Im Gespräch mit ihr prüfte er und änderte dann seine Meinung. (Mt 15, 22-28) Das ist uns ein Vorbild für Begegnung und Gespräch in Kirche und Gesellschaft.

Daher hat die das Presbyterium der Ev. Kirchengemeinde Schwerte folgenden Beschluss gefasst, den wir hier in Auszügen wieder geben: 

Die Kanzelrede am Reformationstag 2019 in St. Viktor wurde in Anlehnung an die Hauptvorlage der Ev. Kirche von Westfalen zum Thema: „Ich bin fremd gewesen und ihr habt mich aufgenommen.“ gehalten. Als Referentin trat die Muslimin Dunya Elemenler auf. Sie wurde als Rednerin ausgewählt, weil sie schon auf kirchlichen Tagungen konstruktiv mitgearbeitet hatte. 

Kanzelreden gibt es in Deutschland seit einigen Jahrzehnten, sie sind inzwischen eine evangelische Tradition, auch hier bei uns in Schwerte. Eine kirchliche Verlautbarung sagt dazu: „Kanzelreden finden ihre Themen in der Auseinandersetzung mit dem geistigen, politischen, sozialen und kulturellen Leben… Die Kanzelrede ist eine Sprachform, die zwischen Predigt und Vortrag angesiedelt ist. Ihr Ort ist nicht der Gottesdienst, wohl aber der Kirchenraum. Nichtordinierte sprechen zu einem Thema ihrer Wahl.“1

Nun ist die Kanzelrede in diesem Jahr 2019 auf ein großes Echo in den Medien gestoßen. Mehrere rechtsradikale Internet-Zeitungen haben beleidigende und nationalistische Artikel dazu veröffentlicht. Die Ev. Kirchengemeinde, besonders Stadtkirchenpfarrer Tom Damm, sind in Kommentaren, Emails und Telefonanrufen auf übelste Weise angegriffen worden. 

Dagegen spricht sich die Ev. Kirchengemeinde Schwerte deutlich aus und bekennt sich zur Religionsfreiheit auf dem Boden des deutschen Grundgesetzes: 

 „Wir nehmen die Herausforderungen der pluralistischen Gesellschaft an. Unsere Gesellschaft ist vielfältig und wird noch vielfältiger werden… Wir nehmen diese Situation als Herausforderung an, vertreten unsere Botschaft aktiv und setzen uns im Geist der Versöhnung für den gesellschaftlichen Dialog der Weltanschauungen ein. Wir treten für das bewährte Religionsrecht in unserer Gesellschaft ein, das es Menschen aller Religion erlaubt, ihren Glauben öffentlich zu leben.“2

Wir bekennen uns ebenfalls zur Selbstverpflichtung der „Charta Oecumenica“ (2001): „Die Begegnung zwischen Christen und Muslimen sowie den christlich-islamischen Dialog wollen wir auf allen Ebenen intensivieren. Insbesondere empfehlen wir, miteinander über den Glauben an den einen Gott zu sprechen und das Verständnis der Menschenrechte zu klären. Wir verpflichten uns, den Muslimen mit Wertschätzung zu begegnen; bei gemeinsamen Anliegen mit Muslimen zusammenzuarbeiten.“3 Insofern werden wir den Dialog fortführen und weiterhin muslimische Gesprächspartner*innen einladen, wie es schon seit Jahren in unserer Kirchengemeinde geschieht. 

Denn als Christ*innen liegt uns daran, das vielfältige Leben in unserer Gesellschaft friedlich zu gestalten und auf diese Weise das gesellschaftliche Zusammenleben zu stärken“4, ganz besonders im Blick auf unsere Stadt Schwerte. Das steht im Einklang mit dem Evangelium Jesus Christi, dem wir uns verpflichtet wissen. 


1Ev. Kirche von Bayern (https://www.bayern-evangelisch.de/wir-ueber-uns/)
2Ev. Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (in: Dialog wagen – Zusammenleben gestalten, S. 6)
3a.a.O. S.7f
4a.a.O. 15

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