Mittwoch, 20. Mai 2020

#Hände

Eine Hand wäscht die andere – in Corona-Zeiten hat das ja nun gar nichts Anrüchiges mehr, oder?

Früher hieß das: da wird geschummelt und keiner kontrolliert‘s, da werden Behörden geschmiert für eine Genehmigung, da gibt man sich gegenseitig Aufträge ohne den Preis zu verhandeln. – „Eine Hand wäscht die andere“, das meint eigentlich: „Ich verfolge meine Interessen, du deine – und irgendwie kommen wir schon zusammen.“ Und keiner macht sich die Hände schmutzig – oder doch?

In diesen Zeiten des vermehrten Händewaschens kommt mir anderes in den Sinn. Es wird fast meditativ, wenn ich so meine 30 Sekunden-Händewaschungen mit Seife und Schaum abhalte, und dabei eine Hand die andere wäscht. Erst die Flächen, dann beide Daumen und auch diese weiche Stelle zwischen Daumen und Zeigefinger mit der starken Sehne darin, dann zwischen den Fingern von innen an beiden Händen abwechselnd fast wie beim Händefalten, dann zwischen den Fingern von außen und der Daumen kümmert sich darum, dass der kleine Finger eingeseift wird, gleichzeitig bekommt auch der Handrücken Schaum ab,  und zu guter Letzt diese lustige Geschichte mit den Fingernägeln, die in der hohlen Hand alle zusammen noch einmal im Schaum gedreht werden. Eine Hand wäscht die andere. Manche singen dabei ein Lied, das genau 30 Sekunden dauert, andere haben ihren eigenen inneren Rhythmus – und warum sollen wir auch ständig 2 mal „Happy Birthday“ singen?

Händewaschen hat jetzt für mich fast etwas Meditatives. Die Hände bekommen jetzt viel Handcreme– denn so viel Seife macht die Haut spröde, aber auch viel Aufmerksamkeit.

Ich denke mehr über meine Hände nach. Manche Redewendung kommt mir in den Sinn. Die Hand ist in unserer Sprache ein Bild:

  • Wenn ich meine Hand in deine lege, vertraue ich mich dir an.
  • Wenn ich in die Hände spucke, dann packe ich etwas an und nehme etwas in die Hand.
  • Wenn ich die Fäden in der Hand habe, gebe ich das Heft nichts so schnell aus der Hand.
  • Ich lege die Hand ins Feuer, etwas hat Hand und Fuß. Hand aufs Herz: mir ist gar nicht bewusst gewesen, was sich alles mit der Hand verbindet.
  • Die Redewendungen zeigen mir: die Hand steht für Tatkraft und Gestalten, für Ehrlichkeit und Vertrauen. Und wenn ich die Hand in den Schoß lege, gebe ich vieles aus der Hand.

Im Glauben suchen wir oft nach Bildern für das, was uns mit Gott verbindet. Auch die Hand wird zum Glaubensbild. Ich lege mein Leben in Gottes Hand, vertraue mich ihm an: „Meine Zeit steht in deinen Händen“ – heißt es in den Psalmen (Ps.31,16)

Ein altes Lied, das viele tröstlich finden, bittet Gott:

„So nimm denn meine Hände und führe mich,
bis an mein selig Ende und ewiglich.
Ich mag allein nicht gehen nicht einen Schritt,
wo du wirst gehn und stehen, da nimm mich mit.“

Das Lied ist wie ein Gebet. Es sagt:

Ich lege meine Hand in deine, Gott, ich vertraue mich dir an. So wie ich es kenne, wenn ich mich mit geschlossenen Augen führen lasse und meine Hand in die eines anderen lege. Du führst mich durch die Zeit. Und auf den holprigen Wegen, kann ich mich an dir festhalten. Du gibst mir von deiner Kraft. Ich kann dir vertrauen. Nimm mich an die Hand. Amen

Ja, das Händewaschen hat wirklich etwas Meditatives.

Ihre Pfarrerin Claudia Bitter