„Wie dürfen nicht vergessen, was vor 80 Jahren geschah“, sagte Hartmut Görler bei der jährlichen Gedenkfeier zum Volkstrauertag am Sonntag im Bürgersaal in seiner emotionalen Gedenkrede zum Volkstrauertag. Lesen Sie hier die Rede von Hartmut Görler im Wortlaut:

„Du bist wie ich, nur so schön anders“ – das Lied von Adel Tawil zog sich wie ein roter Faden durch die Gedenkrede von Pfarrer Görler, der damit den Respekt vor dem Anderssein beschwor.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Schülerinnen und Schüler der Realschule am Bohlgarten!

Im Jahr 1939, also vor 80 Jahren, überfiel die deutsche Wehrmacht ohne Kriegserklärung Polen. Es begann der Zweite Weltkrieg, der sechs Jahre dauerte und rund 60 Millionen Menschen das Leben kostete. Ein Zehntel der Opfer waren Polen, die Hälfte von ihnen jüdischen Glaubens. Seit 1952 gedenken wir nun am Volkstrauertag der Gräueltaten der beiden Weltkriege, der Kriegstoten und Opfer der Gewaltbereitschaft und Gewaltherrschaft aller Nationen. Mit Recht! Wir dürfen nicht vergessen, was vor 80 Jahren geschah, damit sich die Geschichte nicht wiederholt. 

Immer wieder höre ich die Gegenrede: Es muss doch mal gut sein mit dem Sich-Erinnern. Wir haben genug nach hinten geschaut. Lass uns jetzt endlich nach vorne schauen. – Nach vorne schauen ist gut. Die Zukunft in den Blick nehmen und gestalten, ist unsere Aufgabe. Aber wir werden die Zukunft nicht verantwortlich gestalten, wenn wir nicht aus der Geschichte lernen und wenn wir uns nicht dem unsäglichen Leid stellen, das unser Land damals anderen Völkern angetan hat. Ich danke euch Schülerinnen und Schülern, das ihr euch auf den Weg gemacht hab, um den riesigen Soldatenfriedhof Jsselsteyn zu besuchen. Tausende von Kreuze, so weit das Auge reicht, ein bitteres Mahnmal für die Gräueltaten des Zweiten Weltkriegs. Solch ein Leid darf sich im Kleinen wie im Großen nicht noch einmal wiederholen.

Du bist wie ich – nur so schön anders.

Mit diesem Lied von Adel Tawil habe ich meine Ansprache eröffnet. Eine scheinbare Selbstverständlichkeit. Du bist wie ich. Der Nationalsozialismus hat damals aber dieses Menschenbild in einer perversen Form verdreht. 

Denn eine Ursache der Massentötung war das Menschenbild im Nationalsozialismus. Die Nationalsozialisten verfolgten eine radikale Rassenlehre. Sie hatten die Vorstellung, dass die in Deutschland lebenden Menschen unterschiedlichen Rassen angehörten. Die Nazis unterschieden hierbei vor allem zwei Rassen: die Arier und die Juden. Die Arier erklärten sie zum menschlichen Ideal, bestimmt für die Herrschaft über die anderen Rassen. Der Bevölkerung verkauften sie diese Idee als eine endgültige, wissenschaftliche Wahrheit. Die Nationalsozialisten erklärten das deutsche Volk zu einem Vertreter der arische Rasse. Mit der Rassenlehre war die Vorstellung der Rassenpflege verbunden. Dahinter steckte die Auffassung, die arische Rasse müsse ihre Reinheit und Qualität bewahren. Nur so könne sich die Menschheit zu Höherem entwickeln. Nur Theorie? Macht euch mal auf die Suche nach euren Urgroßeltern. Erstellt mal eine Ahnentafel. Schon bald werdet ihr auf den sogenannten Ariernachweis stoßen. Das war der Nachweis einer rein arischen Abstammung über Generationen hinweg. Und wohin führte dieses Menschenbild? Zu Verachtung, zu Verfolgung, zur flächendeckenden Zerstörung jüdischer Synagogen, zum massenhaften und grausamen und millionenfachen Tod in sogenannten Konzentrationslagern. 

Weg mit diesem kranken Menschenbild! 

Was regst du dich auf?, fragt vielleicht einer von euch. Das ist doch vorbei. Das ist doch nur noch ein kleines Kapitel im Geschichtsbuch!

Es mag sein, dass ich dieses Menschenbild auf die heutige Zeit nicht übertragen kann. Und doch haben meine Kollegen und ich im Rahmen des Reformationstages erlebt, dass Vorurteile und Ablehnung sehr präsent sind. 

Wir hatten zur sogenannten Kanzelrede eingeladen. Die hat bei uns schon eine längere Tradition. Die Kanzelrede ist eben kein Gottesdienst, sondern ein Vortrag zu kirchlich relevanten und sozialen Themen. Ein Vortrag in der Kirche, von der Kanzel herab, aber zu Wort kommen dort eben keine Kirchenleute, sondern Menschen aus der Gesellschaft – Politiker, Kabarettisten, Sportler, Unternehmer, Gewerkschafter usw…

Diesmal hatten wir Frau Dunya Elemenler eingeladen, eine türkisch stämmige Muslima, die sehr engagiert ist im islamisch-christlichen Dialog. Eine Kennerin unserer Kirche. Ihr Vortrag war beeindruckend. Sie hatte sich übrigens demselben Thema gestellt wie ich es heute tue: Du bist wie ich – nur so schön anders.

Sie hat sich mit allem, was sie sagte, zum innergesellschaftlichen Frieden bekannt und darum geworben, Vorurteile abzubauen. Sie hat ohne es so zu benennen in beeindruckender Weise die Liebe Gottes zu allen Menschen beschrieben, besser als ich es hätte tun können. Ein bewegender Abend, aber auch deswegen bewegend, weil wir vorher und hinterher in massiver Weise angegangen wurden. Bei uns gingen unschöne Mails ein, eine übler als die andere. Ein wahrer Shit-Storm! Meine Kollegen und ich wurden am Telefon wüst beschimpft wie ich es noch nicht erlebt habe. Und das alles, weil wir einer Muslima erlaubt haben, von der Kanzel zu reden. Die aller allermeisten Kritikerinnen und Kritiker hatten, das war mein Eindruck, den Vortrag gar nicht erst gehört. Sie unterstellten Frau Elemenler die Nähe zum Terrorismus. Sie sei von Erdogan fremd gesteuert. Uns wurde vorgeworfen, das Christentum und die deutsche Kultur zu verraten und dem Verfall preiszugeben. Dabei war Frau Elemenler, wie gesagt, an dem Abend eine Friedensbotschafterin ohne gleichen. Sie warb darum, sich nicht von Vorurteilen leiten zu lassen, sondern bereit zu sein, den jeweils anderen kennenzulernen und in seiner Fremdheit als Bereicherung zu erleben. 

Du bist wie ich – nur so schön anders.

Ich erzähle dieses sehr konkrete Beispiel, um deutlich zu machen: es liegt auch an uns, an dir und an mir, ob der Frieden in Europa, dessen Vorteile wir seit über 70 Jahren genießen, erhalten bleibt. Natürlich haben die Parlamente von kommunaler Ebene bis hoch zur Bundesebene und die führenden Politikerinnen und Politiker weltweit ihre Verantwortung in ihrem jeweiligen Wirkungskreis, sich für den Frieden einzusetzen. Und es ist unsere Pflicht, eine Bürgerpflicht, sie immer wieder an ihre Verantwortung zu erinnern, auch durch Demonstrationen. 

Aber auch wir haben in unserem kleinen Umfeld die Aufgabe und den Auftrag, uns selber für Demokratie einzusetzen, die Gleichheit und die Würde jedes einzelnen Menschen zu wahren, unsichtbare Mausern einzureißen, Vorurteile abzubauen und Versöhnung zu leben. Natürlich gibt es Menschen mit unterschiedlichen religiösen Hintergründen in unserem Land. Natürlich haben wir jeweils eine eigene religiöse Prägung. Wir haben vielleicht unterschiedliche sexuelle Neigungen, unterschiedliche politische Auffassungen. Und doch gehören wir zusammen. Wir sind Bürgerinnen und Bürger einer Nation. Wir sind aufeinander angewiesen. Jede und jeder hat sein oder ihr eigenes Recht auf eine eigene Lebensgestaltung. Wir sind unterschiedlich. Und doch gilt: du bist wie ich – nur so schön anders. Je bunter eine Blumenwiese ist, desto schöner ist sie und desto reichhaltiger ist auch ihre Fauna. 

Für mich als evangelischen Christen ist das die Grundlage meines Glaubens, meines Gottesbildes, meines Menschenbildes. Gott hat jedem Menschen, dem ich begegne, dieselbe Würde gegeben wie mir, und mein Auftrag ist es, daraus eine ethische Grundhaltung abzuleiten: wenn Gott jeden Menschen in seiner Unterschiedlichkeit wertschätzt, dann darf und soll ich das auch tun. Ich gehe noch einmal zu der Kanzelrede am Reformationstag zurück und bekenne: für mich hat an diesem Abend der Gott, an den ich glaube, durch diese muslimische Frau zu uns gesprochen.

Volkstrauertag 2019. Unsere Welt ist noch lange nicht zur Ruhe gekommen. Fast jeden Tag hören wir von kriegerischen Auseinandersetzungen in Syrien und Afghanistan. Wir hören von gewaltsamen Protesten in Bolivien und Hongkong. Und auch der Frieden in unserem Land ist zerbrechlicher denn je. Es gab rechtsradikale Anschläge in Essen, Bottrop und Oberhausen. Auch der Anschlag in Halle steht uns noch vor Augen, und es war der pure Zufall, dass die Türen der Synagoge stand gehalten haben. Sonst hätte es auch am 9. Oktober 2019 eine massenhafte Tötung gegeben. 

Unsere Welt braucht uns. Unser Land braucht uns. Der Frieden braucht uns und unseren Einsatz dafür. Ich sage es noch einmal: es liegt maßgeblich an uns, ob der Frieden uns erhalten bleibt. 

Der Volkstrauertag soll uns wieder neu ins Nachdenken bringen. Er soll uns wachrütteln und aufschrecken und wie ein Tritt in unseren Hintern wirken. Steh auf! Komm heraus aus deinem Schneckenhaus! Leg  deine Egal-Haltung ab. Fang an, die Menschen um dich herum wahrzunehmen. Hör auf das, was sie sagen. Versuche herauszufinden, was sie denken und fühlen. Sei neugierig und offen für ihre Andersartigkeit. Denn 

Du bist wie ich – nur so schön anders. 

Du baust ein Haus, ich geh‘ wandern
Du schüttest den Grund, ich werf‘ den Anker
Du setzt weiße Tauben auf meine Panzer
Du bist wie ich, nur so schön anders

Du bist der Dschungel für meinen Panther
Du träumst von Sylt, ich bring‘ dich nach Sri Lanka
Vor deinen Freiheitskämpfern steh‘ ich da wie ein Beamter
Du bist wie ich, nur so schön anders

Du kommst aus einem fernen Land, 
ich bin schon lange hier zuhause;
dein Gott heißt anders als meiner.
Du bist wie ich, nur so schön anders.
Du sprichst nicht meine Sprache
und doch redest du mit  mir. 

Du magst keine Kartoffeln,
aber wenn ich bei dir esse,
geht mir der Mund über.
Du bist wie ich, nur so schön anders.

Anders bist du,
anders lebst du.
Anders glaubst du.
Aber genau das macht dich so interessant für mich.
Du bist wie, nur so schön anders. 

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