Entwidmung Gemeindezentrum Buschkampweg

Am vergangenen Sonntag ist mit einem Gottesdienst um 11.00 Uhr das Gemeindezentrum Buschkampweg offiziell als kirchliche Stätte entwidmet worden. Im Anschluss an den Gottesdienst ist man im „Unterdorf“ in die katholische Kirche St. Antonius „eingezogen“, die katholische Kirchengemeinde St. Marien stellt uns ihre Räumlichkeiten für Gottesdienste und Veranstaltungen zur Verfügung, so dass auch weiterhin evangelische Gottesdienste am 02. und 04. Sonntag im Monat in Geisecke stattfinden können.

Nachfolgend lesen Sie hier die Predigt von Pfarrer Hartmut Görler und die Ansprache des Superintendenten Pfarrer Oliver Günther.

Predigt von Pfarrer Hartmut Görler

Da stehen sie nun. Die Israeliten. Hinter ihnen die endlose Wüste und vor ihn der schier unüberwindliche Fluss Jordan.                                                                                                                                            Die Wüstenzeit. Nur ganz wenige können sich noch nach daran erinnern, wie es damals so war, als Sklave in Ägypten zu arbeiten. Für die allermeisten ist es eine legendenhafte Geschichte, wie Gott damals sein Volk befreit hat. Von den zehn Plagen in Ägypten erzählen sie sich gerne. Und dass die Menschen damals dank Gottes Hilfe durch das Rote Meer gezogen sind. Die Allermeisten sind in der Wüstenzeit geboren. Sie kennen nichts anderes. Nur das ständige Unterwegssein. Nur der Standortwechsel von Tag zu Tag. Tägliche Gefahren durch wilde Tiere. Und immer wieder diese unsägliche Hitze und der Durst. Aber die letzten Jahre waren auch irgendwie schön. Sie sind zusammengewachsen zu einer eingeschworenen Gemeinschaft. Sie haben gemeinsam Herausforderungen gemeistert. Sie waren füreinander da. Einer für alle. Alle für einen. Sie erahnten: irgendwann werden sie diese Lebensphase hinter sich lassen müssen. Irgendwann würde etwas Neues kommen. Aber dass das so plötzlich sein würde, das haben sie nicht gedacht. Erst kürzlich ist ihr langjähriger Führer verstorben. Moses war all die Jahre an ihrer Seite. Was haben sie nicht alles mit ihm erlebt! Mit erhobenen Armen hat er für sie gebetet, und seine Leute mussten seine Arme stützen, damit sie ihm nicht absackten. Oder diese unerwartete Quelle in der Wüste! Was für ein Erlebnis. Oder das Manna, das Brot, das vom Himmel gefallen ist. Man munkelt, es sei ein Saft der Tamariske. Aber wie dem auch sei. Letztendlich bringen die Israeliten bis heute dieses Himmelsbrot mit Gott in Verbindung. Er hat für sie gesorgt. In guten wie in schlechten Zeiten. Jetzt ist dieser Moses gestorben. Altersschwach durfte er von einer Anhöhe aus noch einmal über den Jordan ins gelobte Land blicken. Dann war seine Kraft zu Ende. Jetzt hat dieser junge Bursche sein Amt übernommen. Wie heißt er noch mal? Ach ja. Josua. Ob der das Volk Israel so gut führen kann wie es Moses getan hat? Wir werden es sehen. Da stehen sie nun. Die Israeliten. Hinter ihnen die endlose Wüste und vor ihnen die greifbare Zukunft. 

Da stehen sie nun, die Gemeindeglieder der Evangelischen Kirchengemeinde Schwerte, die Menschen des Altbezirkes Geisecke-Lichtendorf, die Menschen, die im Gemeindezentrum am Buschkampweg ein- und ausgegangen sind. Sie schauen zurück. Auf fast 100 Jahre. Keiner hat die Anfänge persönlich erlebt. Aber die alten Geschichten von damals sind heute noch lebendig. Was haben wir nicht alles miteinander erlebt? In dieser Geisecker Zeit. Erinnert ihr euch? Das gemeinsame Gitarren- und Flötenspiel mit Renate Ziemann? Oder die ersten Posaunenklänge unter Wilhelm Krabbe?  Oder das gemeinsame Singen mit Frau Beuchel? Lang, lang ist es her. Junge Mütter gestalteten Kindergottesdienste mit besonderen Aktivitäten zu kirchlichen Festen. Jugendfreizeiten gehörten zum Gemeindebezirk Geisecke-Lichtendorf dazu. Viele von uns haben daran teilgenommen. Und könnt ihr euch noch erinnern? Schon im Jahr 1991 hat Ingo Dressler die Orgeldienste übernommen. Seit mehr als 34 Jahren begleitet er die vielen Gottesdienst im Gemeindezentrum Buschkampweg. Es gab viele Aufs und Abs im Bezirk Geisecke-Lichtendorf. Wie schön, dass zwischenzeitlich Ewald Wohlfahrth die Posaunenchorleitung von Thorsten Schlüter übernimmt. Oder die Gemeindefeste. Denkt doch mal an die Gemeindefeste. Alle zwei Jahre haben sie stattgefunden. Was war das für eine schöne Sache. Oder das Kaffeestübchen! Wahrlich ein Ort, zu dem viele Menschen gegangen sind, um andere zu treffen und sich mit ihnen auszutauschen. Doch die Menschen in Geisecke erahnen es schon lange. Ihr geliebtes Haus ist auf Dauer nicht zu halten. Schon vor über zehn Jahren hat die Gemeindeleitung feststellen müssen, dass die vielen kirchlichen Standorte nicht zu halten sind. Immer weniger Menschen gehören zur Kirchengemeinde. Immer weniger Hauptamtliche stehen zur Verfügung. Immer weniger Geld nimmt die Kirchengemeinde an Kirchensteuern ein bei gleichzeitigen steigenden Ausgaben. Und so stehen sie jetzt hier. Die Menschen in Geisecke. Schauen wehmütig zurück. Schauen sorgenvoll nach vorne. Es ist so schade, dass die alte Zeit vorbei ist. Was wird die neue Zeit bringen? Die Menschen in Geisecke und Lichtendorf stehen vor einem unsichtbaren Jordan. Voller Trauer und Abschiedsgedanken und einem vorsichtigen Blick nach vorne. 

Da stehen sie nun. Die Israeliten. Hinter ihnen die endlose Wüste und vor ihn der schier unüberwindliche Jordan. Und das gelobte Land auf der anderen Seite des Flusses. Milch und Honig sollen dort fließen. Das war ihre Hoffnung. Aber die ersten Kundschafter kommen ernüchtert zurück. Da wohnen riesenhafte Menschen jenseits des Flusses. Das verheißene Land ist schon bewohnt, und die aktuellen Bewohnerinnen und Bewohner wollen ihr Land ganz bestimmt nicht hergeben. Die Nachrichten der Kundschaften schlagen ein wie eine Bombe. Wir hören auf. Wir gehen nicht weiter. Wir gehen wieder zurück – wohlwissend, dass es ein Zurück nicht geben wird.

Da spricht Gott mit Josua. Da spricht Gott mit seinem Volk. Sei getrost und unverzagt. Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst. 

Ja, ich sage es noch einmal: Sei mutig und entschlossen! Lass dich nicht einschüchtern und hab keine Angst! Denn ich, der HERR, dein Gott, stehe dir bei, wohin du auch gehst.

Was für ein Wort. Was für eine Zusage. Geh den nächsten Schritt. Schau dankbar zurück. Erzählt euch einander die alten Geschichten, aber lasst die Vergangenheit zurück. Brecht auf, der Zukunft entgegen. Ich, dein Gott, bin bei dir gestern, heute und auch morgen. Ich, dein Gott, lass mein Volk, lasse meine Gemeinde nicht alleine. Ich begleite sie in eine ungewisse Zukunft und eröffne neue Möglichkeiten. 

Josua vertraut Gott. Josua hat schlotternde Kniee, er ist eingeschüchtert von der Herausforderung. Er hat keine Ahnung, was auf ihn zu kommt, aber er vertraut Gott. Er setzt einen Fuß vor den nächsten. Er geht los, und die Israeliten folgen ihm. Er findet einen Weg durch den Jordan. Er hat das verheißene Land fest im Blick. Er hat die Zukunft fest vor Augen. Er weiß nicht, was sie bringen wird, aber er vertraut darauf, dass Gott auch jenseits des Jordans zu finden ist. In Gottes Namen. Den nächsten Schritt. In die Zukunft. In dem Vertrauen: alles wird gut. Gott wird alles gut machen. Auch das Neue. Das Unbekannte. Das Angsteinflößende.

Da stehen sie nun, die Christinnen und Christen, die sich mit dem Gemeindezentrum am Buschkampweg verbunden fühlen. Sie müssen Abschied nehmen. Sie müssen all das Gute hinter sich lassen, das sie hier im Haus gefunden haben. Nur noch wenige Minuten. Dann schließt sich zum letzten Mal die Tür des Gemeindezentrums hinter ihnen. Nur noch wenige Augenblicke, dann machen sie sich auf den Weg vom Oberdorf ins Unterdorf, vom Buschkampweg zur Straße Am Brauck. Von Trauer erfüllt und einer vorsichtigen Hoffnung. Da hören sie Gottes Wort. Da spricht Gott sie an: Sei getrost und unverzagt. Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst. Ja, ich sage es noch einmal: Sei mutig und entschlossen! Lass dich nicht einschüchtern und hab keine Angst! Denn ich, der HERR, dein Gott, stehe dir bei, wohin du auch gehst. Gott war an ihrer Seite, hier im Gemeindezentrum am Buschkampweg. Sie ihn in Gottesdiensten gefeiert, ihn im Gebet angesprochen. Sie sind zu einer wunderbaren Gemeinschaft zusammengewachsen. Gott sei Dank. Aber wenn sich die Tore schließen, wenn der Tross sich in Bewegung setzt, wenn die Christinnen und Christen sich auf den Weg machen, um in der Heimat der katholischen Geschwister eine neue Heimat zu finden, dann geht Gott mit. Vom Buschkampweg zum Am Brauck. Vom Gestern ins Heute ins Morgen. Und wenn dann zum ersten Mal ein Segen gesprochen wird und die Orgel erklingt, wenn zum ersten Mal ein evangelisches Abendmahl in der katholischen Kirche gefeiert wird, dann ist Gott schon längst. Dann berühren sich wieder Himmel und Erde. Dann ist Gott spürbar und erlebbar. Gott in der Zukunft. Gott in der fremden Heimat. Gott mit uns auf dem Weg. Und wer weiß: vielleicht schenkt Gott uns eine ganz neue und ganz andere Gemeinschaft mit den katholischen Geschwistern; denn wie wir sind auch sie auf dem Weg.   

Das wandelnde Gottesvolk dem verheißenen Land entgegen. Denn: vielleicht ist das gerade das Besondere an den Erzählungen des Alten Testaments. Als Kirche werden wir niemals am Ziel ankommen. Wir werden immer unterwegs sein. Wir sind und bleiben darauf angewiesen, dass Gott uns auf unserem Weg in eine unbekannte Zukunft begleitet. 

Amen.

Ansprache des Superintendenten Pfarrer Oliver Günther

Für das neue Jahr und für die Zukunft … wünsche ich Ihnen Gottes Segen. 

Zukunft ist immer ungewiss. Die Jahreslosung 2026 verheißt uns, dass Gott seine Schöpfung nicht aus den Händen geben wird. Siehe, ich mache alles neu. Was auch geschehen wird, wir bleiben in seiner Hand.

Dieses Versprechen und diese Gewissheit sollen am Anfang stehen. 

Die Verheißung steht über allem. Über allen Abschieden und Neuanfängen. Über aller Trauer und aller Hoffnung. Über aller Unsicherheit und über allem Zusammenhalt. Über allem Bemühen, verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen, genauso wie über allen Fehlern, die wir machen.

Die Verheißung steht über allem. Auch über allem, was wir in die Hände nehmen, um Zukunft zu gestalten. Auch über diesem letzten Gottesdienst hier an diesem Ort steht Gottes Verheißung. 

Ich bin mir sehr bewusst, dass unsere Kirche und die gesellschaftlichen Entwicklungen unseren Gemeinden und den vielen engagierten Menschen unglaublich viel abverlangen. Der Umbau unserer Kirche erfordert nicht nur viel Kraftanstrengung, sondern er hat auch einen hohen Preis. Menschen müssen sich verabschieden von Orten, Gewohnheiten, Lebensformen, die sie und ihr Leben geprägt haben. Kirchen, Gottesdienststätten und Gemeindehäuser sind mehr als nur „Gebäude“. Hier wurde gebetet, geweint, geklagt, gefeiert, gelobt, gehofft, geglaubt. Dies ist ein Ort der Zuversicht gewesen, für viele Jahre. 

Der Charakter dieses Ortes hier wird sich verändern. Wir verabschieden uns heute von diesem Gebäude als Gottesdienststätte. Und zugleich hoffen und vertrauen wir darauf, dass Gottes Wege mit seinen Menschenkindern hier noch lange nicht zu Ende sind. 

Die Kirchengemeinde Schwerte ist  eine vorbildliche Gemeinde im Ev. Kirchenkreis Iserlohn. Sie sind mutig in Ihren Entscheidungen, realistisch und lösungsorientiert. In allem zukunftsweisend und zukunftsgewiss! Dafür möchte ich dem Presbyterium ausdrücklich danken. Und sie ermutigen, diesen Weg unbeirrt zu gehen. Die Konzentration des kirchlichen Lebens an St. Viktor ist richtig, auch wenn sie jetzt erst einmal schmerzhaft ist. Ich nehme aber auch wahr, dass Sie sehr transparent und ehrlich damit umgehen, behutsam kommunizieren und sorgsam mit den Menschen und ihren Gefühlen und Erinnerungen umgehen. Und das ist in allem Schmerz wohltuend. Auch dafür danke ich. 

Ich wünsche Ihnen, dass die Hoffnung auf Gottes Segen und Hilfe Sie in allem trägt und bestärkt. 

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