Das Wort zur Wochenmitte

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Seit Kurzem spült mir mein Algorithmus auf Social-Media Gedichtzitate von berühmten Dichtern auf meinen Handybildschirm. Meistens unterlegt mit pathetischer Musik. Letztens ein Zitatschnipsel von Kafka: 

„Ich schämte mich, als ich bemerkte, dass das Leben ein Maskenball ist, und ich mit meinem wahren Gesicht teilgenommen habe.“

Der Satz blieb mir in Erinnerung. Kafka trifft da einen wunden Punkt: Wir alle tragen unsere Masken. Die erfolgreiche Geschäftsfrau, der souveräne Familienvater, die immer hilfsbereite Nachbarin. Wir zeigen, was andere sehen sollen. Und manchmal vergesse ich selbst, wer ich hinter all den Masken eigentlich wirklich bin.

Der Wochenspruch aus dem 2. Korintherbrief dreht Kafkas Bild um: 

„Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.“ 

Keine Masken mehr. Alles kommt ans Licht. Das wahre Gesicht wird sichtbar.

Ehrlich gesagt: Der Gedanke macht mir Angst. Er kommt mir vor wie eine Drohung. Was, wenn wirklich am Ende der Zeit ein mächtiger Richter sehen könnte, was hinter meiner Fassade steckt? Die bösen Gedanken, die ich niemandem erzähle. Die vielen verpassten Chancen. Kafka schämte sich, mit seinem wahren Gesicht aufzutreten – ich mich manchmal für das, was hinter meiner Maske verborgen ist.

Das tröstliche ist: Es ist Jesus, der dort auf dem Richterstuhl sitzt. Der selbst ohne Maske gelebt hat. Der seine eigene Angst im Garten Gethsemane nicht versteckt hat. Der mit Zöllnern und Sündern zusammen saß, ohne sich zu verstellen.

Paulus schreibt die Worte des Wochenspruchs nicht als Drohung. Er schreibt sie als Ermutigung. Denn dieser Richter Jesus trägt selbst keine Maske. Er zeigt uns seine durchbohrten Hände. Er versteckt seine Wunden nicht. Er kennt das menschliche Gesicht von innen – mit all seinen Tränen, Ängsten und Hoffnungen.

Vielleicht ist das „Offenbarwerden vor Christus“ am Ende keine Katastrophe, sondern eine Befreiung. Während Kafka sich schämte, mit seinem wahren Gesicht auf dem Maskenball des Lebens zu stehen, lädt Jesus uns ein: „Komm, wie du bist. Ohne Maske. Ich kenne dich doch sowieso! Du bist erkannt und trotzdem geliebt. Gerade so, wie du bist.“

Ich wünsche Ihnen und Euch einen gesegneten Buß- und Bettag und eine gute Woche

Ihr Jannis Graf

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