Das Wort zur Wochenmitte

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Nach dem Urlaub treffe ich einen guten Freund. Wir tauschen uns aus, was in den letzten Wochen so los war. Er erzählt: „Stell dir vor, ein alter Schulfreund hat mich besucht – nach zehn Jahren! Er hatte beruflich in Düsseldorf zu tun und hat bei mir übernachtet. Ich hab‘ mich ja gefreut, aber… Für den ist wirklich alles ‚schön‘: ‚Schön, dass wir uns wiedersehen!‘ ‚Ihr habt es schön hier!‘ ‚So schöne Blumen auf dem Balkon!‘ ‚Alles so schön!‘. Am nächsten Morgen frage ich mich: Gibt’s für den eigentlich irgendetwas, was nicht schön ist?“

 „Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.“

Prediger 3

Wer ehrlich ist, wird zugeben: So einfach ist es nicht. Nicht alles ist schön. Wir leben nicht im Paradies. Die Nachrichten zeigen uns täglich Krieg, Ungerechtigkeit und Not. Auch im persönlichen Leben gibt es Krankheit, Enttäuschungen und Verluste. Selbst der schönste Urlaub schützt nicht vor Problemen – auch auf einer Trauminsel kann man sich streiten oder krank werden.

Stammt der Vers also von einem weltfremden Träumer?

Keineswegs. Der Vers stammt aus dem Buch des Predigers im Alten Testament. Direkt davor steht der bekannte Text: „Alles hat seine Zeit: geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen hat seine Zeit; weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit…“

Der Prediger kennt alle Facetten des Lebens. Er weiß um Freude und Leid, um Aufbau und Zerstörung. Er ist kein Schönfärber, sondern ein nüchterner Beobachter.

Sein entscheidender Gedanke: Wir Menschen können Gottes Handeln nicht vollständig begreifen. Warum geschieht was zu welcher Zeit? Warum trifft Leid den einen und nicht den anderen? Der göttliche Plan bleibt uns verborgen. 

Direkt nach dem Vers folgt ein bemerkenswerter Satz: 

„Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben. Denn ein jeder Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.“

Prediger 3

Das ist keine billige Vertröstung. Der Prediger sagt: Gerade weil ich nicht alles verstehe, darf ich die guten Momente des Lebens bewusst wahrnehmen und genießen. Das gemeinsame Essen, die Begegnung mit Freunden, die kleinen Freuden des Alltags – sie sind Geschenke Gottes inmitten einer oft schweren Welt.

„Gott hat alles schön gemacht zu seiner Zeit“ – vielleicht meint das: Es gibt Momente, da leuchtet etwas auf von der Schönheit, die Gott in seine Schöpfung gelegt hat. Nicht immer, nicht überall, aber immer wieder. Und diese Momente dürfen wir dankbar annehmen.

Der Schulfreund meines Freundes mit seinem inflationären „schön“ mag übertreiben. Aber vielleicht können wir von ihm lernen, die schönen Momente bewusster wahrzunehmen – als Geschenke Gottes in unserer Zeit.

Es grüßt Sie herzlich 

Ihr Jannis Graf

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